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Mrz 15, 2015

Über schlechte DJs, verzweifelte Frauen und warmes Bier

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Der DJ schreit: “Put your funky hands up!” und ich ahne, dass das kein guter Abend wird. Alles in mir sträubt sich gewaltig dagegen hier zu sein, doch als endlich Marteria läuft, ringe auch ich mir ein paar Tanzbewegungen ab. Ich hole mir das zweite Bier. Links neben mir trägt ein Mädchen ein Neon-Oberteil. Darauf einen Schluck. Ich glaube ich bin die Einzige in diesem Schuppen, die flache Schuhe trägt. Vielleicht bin ich zu alt für diesen Scheiß, denke ich mir. Dann fällt mir ein, dass ich 21 bin. Also nicht zu alt. Ein paar Muskelshirts schütteln sich an mir vorbei. Modisch gesehen sind die Highlights eher rar, so viel steht fest. “Atemlooooos…” – okay, das ist der Tiefpunkt. Meine musikalischen Nerven sind überstrapaziert, meine Tanzmuskeln streiken. Ich lehne mich an einen Pfosten. Verzweifelt sieht mich eins der Muskelshirts an. Sein Blick scheint zu fragen “Willst du?”. Ich frage mich, was ich wollen sollte und in welchem Universum ein Mädchen an dieser Stelle irgendetwas wollen könnte. Es ist ein Abend der Verzweifelten. Der DJ verkackt den nächsten Übergang. Irgendwie ist das traurig. Während ich dem Arschgewackel einiger Eifriger zusehe und nochmal am Bier nippe, geht mir dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf: Warum sind wir eigentlich alle hier? Ist es nicht die Verzweiflung, die uns letztendlich in schlechte Clubs treibt, in der Hoffnung wir können jemanden aufreißen oder wenigstens ein bisschen flirten? Mit diesen Fragen im Hinterkopf fühle ich mich plötzlich wie ein Stück Wurst in der Wursttheke. Es geht letzendlich nur darum ob ich ein Edelschinken oder eine Lioner bin. Ich bin ein Mädchen und in einem Club damit zum freien Verzehr ausgeschrieben. Alle geben alles, um möglichst schön oder möglichst sexy zu sein und sind es meiner Meinung nach überhaupt nicht. Mal ehrlich, ihr Männer da draußen, die ihr euch die Fleischauslage jedes Mal auf ein Neues anseht, habt ihr wirklich noch Bock auf Arschgewackel und stumpfes Lächeln? Seid ihr es nicht langsam leid, euch diese Mädchen anzusehen, die sich nur für euch in ein extra enges Kleid gepresst haben? An dieser Stelle sei noch einmal auf den treffenden Vergleich mit einer Wurst hingewiesen…
Vielleicht, aber nur vielleicht kann die männliche Fraktion auch gar nichts dafür. Vielleicht machen sich die ganzen Damen selbst zur Wurst. Je öfter ich an Wurst denke, desto amüsanter finde ich die Vorstellung in einem Club voller riesiger Würste zu stehen. Als Vegetarier ist das eine ziemlich abartige Vorstellung, irgendwie macht mir der Abend aber nun mehr Spaß. Ich blicke von den Lack-High Heels zu meinem Stoffbeutel und wieder zurück. Mein Bier ist inzwischen lauwarm. Ich nehme den letzten Schluck und beschließe, dass ich keine Wurst bin. Ich muss mich nicht stundenlang aufhübschen und in knallenge Kleidung schießen, damit mich jemand haben will. Niemand muss das. Wir sollten uns kleiden und verhalten wie WIR es für richtig halten, selbst wenn das bedeutet, dass man zum Tanzen mindestens 5 qm braucht. Nicht jeder muss seine hübschen Pobacken irgendwo dagegenreiben.
Der Abend endet, wie er angefangen hat. Der DJ brüllt etwas völlig dämliches in sein Mikrofon. Adieu, lieber Club, so schnell sehen wir uns glaube ich nicht wieder.

Comments (6)

  • Jacqui
    Mrz 15, 2015

    Haha so ein absolut genial geschriebener Beitrag:-) Ich habe richtig lachen müssen und der Vergleich mit der Wurst… XD zu witzig. Ich hatte schon Angst, dass es nur mir so geht. Seit Monaten bin ich für diese Partys nicht mehr zu begeistern. Toll geschrieben!
    LG

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    • Vreni
      Mrz 15, 2015

      Danke für deinen Kommentar, ein riesen Kompliment für mich! (:
      Ich habe das Gefühl die Clubs werden immer schlechter 😀 Ich nehme mir ja immer vor, nur noch hinzugehen, wenn da auch wirklich gute Musik läuft. Und dann lande ich irgendwann doch wieder in so einem schlimmen Schuppen und will am liebsten nur noch weg 😀

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  • schwarzer Samt
    Mrz 15, 2015

    Hahaha, was für ein schöner Text. Man kann richtig nachempfinden, wie es dir so ergangen ist.
    Aber keine Sorge, es gibt auch gute Partys, auf denen es nicht darum geht, …wenn auch mittlerweile wenige.

    Liebe Grüße,
    Elisa

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    • Vreni
      Mrz 15, 2015

      Vielen Dank!
      Jaaa…hier in der Gegend ist es aber wirklich sehr schwierig. Wenigstens gibt es dann Material für den ein oder anderen Text 😀
      Ganz liebe Grüße zurück! <3

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  • Romy
    Mrz 15, 2015

    Hahahaha – das erinnert mich so an gestern Nacht und die Neon/Muskelshirt/Sache findet morgen auch seine Erwähnung auf meinem Blog 😀 Das passt alles super auf gestern, nur dass ich schon 28 bin und mit dem “Wir sind hier schon vom alten Eisen” durchaus Recht hatte 😀
    Liebe Grüße
    Romy
    ***
    Freue mich immer über Besuch auf Leichtlebig.Wordpress.Com

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    • Vreni
      Mrz 17, 2015

      Haha ja die “Disco-Outfits” sind wirklich grausam 😀 Ich frage mich wann das endlich mal aufhört 😀
      Liebe Grüße!

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