Warum ich meinen hippen Berliner Start-Up-Job gegen eine Teilzeitstelle getauscht habe

„Stillstand ist der Tod“, hat ein Freund letzens zu mir gesagt. Wir wollen immer mehr. Mehr Karriere, mehr coole Partys, mehr Freunde, die uns bewundern und vor allem mehr erreichen – privat, beruflich und persönlich. Erfolg auf allen Ebenen eben. Ich will eigentlich nur mehr Zeit.

Es lebe der Stillstand!

Rumzuhängen, in seinem Kosmos zu bleiben und alles immer zu lassen, wie es ist – das ist die Art von Stillstand, die nicht gut tut. Weil Meinungen sich eben ändern (und auch sollten!) und weil im Kreis drehen schrecklich langweilig ist. Ich bin ein absoluter Fan davon, dass wir uns alle hinterfragen, Realitätschecks machen, mal wieder schauen, was wir tagtäglich so tun, ob das gut ist und was davon auch wirklich unseren Werten entspricht. Das halte ich nicht nur in Nachhaltigkeitsdingen für wichtig, sondern auch auf ganz persönlicher Ebene – trifft man doch zu oft Menschen, die immer davon reden, wie wichtig ihnen Freundschaften sind, die sich gleichzeitig aber null um ihre zwischenmenschlichen Beziehungen bemühen, als Beispiel.

Der Anspruch, dass alles ständig größer, besser, lauter oder präsenter werden muss, ist mir in letzter Zeit zu allen Ohren (zwei sind das, vermutlich) rausgekommen. Ich habe mich vor einigen Wochen dazu entschieden meinen hippen Berliner-Start-Up-Job mit fancy Eventeinladungen, jeder Menge Goodies und dem „Da arbeitest du? Wie cool!“ gegen einen Teilzeitjob zu tauschen. Stillstand oder gar ein Schritt zurück? Karrieretechnisch vielleicht, ja. Aber eben genau das Richtige.

Stillstand ist nicht der Tod, Leute. Und ich sag euch auch wieso: Ich hab nun wahnsinnig viel Platz im Kopf, des Stillstands wegen. Das Problem mit Vollzeitjobs mit vielen Deadlines und kreativem Druck ist nämlich: Dein Kopf ist immer randvoll mit Arbeit. Zumindest ist das bei mir so. Die hört nicht um 18 Uhr auf und auch nicht um 22, obwohl du dann vielleicht (hoffentlich) nicht mehr am Rechner sitzt, deine Gedanken aber immer noch beim Job sind. Wie oft habe ich mich dabei erwischt, wie ich Freunden fast pausenlos von meiner Arbeit erzählt habe und mir zwischendrin dachte: Huch, Vreni, das ist jetzt aber echt nur semi-gut für alle Beteiligten. Wenn man gedankentechnisch in die Arbeit einsinkt, kann das durchaus gut sein, neue Ideen und Motivation bringen und gut funktionieren – nur eben nicht für mich. Ich wusste eine Zeit lang überhaupt nicht, was das ist, dass ich abends manchmal einen so verklebten Kopf hatte. Jetzt weiß ich, dass das daran lag, dass es mir unfassbar schwerfällt „nur“ eine Sache zu tun – also „nur“ ein Vollzeitjob zum Beispiel reicht mir nicht. Das hat dann zur Folge, dass ich tausend Dinge mache. Hier ein bisschen Blog schreiben, Events organisieren und überhaupt: Lass mal einen Podcast starten! Was eigentlich eine coole Sache ist, funktioniert nicht lange, denn all das fordert irgendwann zu viel und du fühlst dich entweder ein bisschen so, als würde dein Leben an dir vorbeirennen und du kommst nicht mehr hinterher oder du hast dann so viele Gedanken zu all den verschiedenen Dingen im Kopf, dass er irgendwie verstopft ist. Genau so ging es mir. Also alles bleiben lassen und voll in den Job stürzen? Ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, funktioniert bei mir nur irgendwie nicht, weil mich meine anderen Ideen nicht loslassen und es mich letztendlich unglücklich macht, wenn ich sie nicht ausprobiere.

So, und jetzt?

Meine Lösung also? Fancy Start-Up-Zeit adieu, hallo Teilzeit-Modell! Einfach war das natürlich überhaupt nicht, aber eines Tages hat eine Freundin zu mir gesagt: „Vreni, entweder du hörst jetzt auf dich zu beschweren oder du änderst was!“ Sie hatte recht. Jetzt habe ich weniger Geld, ein kleines WG-Zimmer und frage mich, wie ich mir mal demnächst einen Urlaub leisten können soll, aber ich hab wieder Platz, ich werde langsam wieder kreativ. Dass ich überhaupt gerade das hier tippe, ist ein Zeichen dafür, dass die Teilzeit-Sache wirkt. Ich hatte monatelang überhaupt keinen Nerv, um außerhalb des Jobs auch nur einen einzigen Text zu schreiben, obwohl ich ziemlich oft vor einem leeren Textdokument saß. Ich wollte einfach nicht. Und konnte auch nicht.

„Und, Vreni, was machst du denn jetzt, wenn du weniger arbeitest? Was planst du, was hast du vor?“ haben sie mich alle gefragt und ich hab nur gesagt: „Du, ich weiß das gar nicht so genau, ich mache doch sowieso so schon so viel, will einfach mehr Luft und schaue, was passiert. Auch, wenn das heißt, dass ich erst mal ‚nur‘ diesen Teilzeitjob mache, ich glaube, das ist genau, was ich gerade machen sollte.“

Vielleicht stehe ich karrieretechnisch gerade still, vielleicht kommen alle gerade viel mehr voran als ich, aber das ist okay. Freunde, ich sage es euch, der Stillstand tut ziemlich gut. Manchmal muss man verweilen, durchatmen, sich sortieren. Das mache ich jetzt erst einmal ausgiebig. Wer weiß, was daraus entsteht!

Ich hatte mit Lydia Hersberger dieses schöne Shooting im Botanischen Garten gemacht und es nie veröffentlicht, wegen Verstopfung im Kopf, ihr wisst schon. Vielleicht ein wenig seltsam, jetzt so sommerliche Bilder zu zeigen, aber irgendwie auch thematisch passend, oder? Lasst uns mal zusammen zurück in den Sommer träumen. <3

Hut alt // Bluse Vintage // Rock Vintage // Gürtel Vintage

Brille Funk Eyewear

Kette Malarikaraiss // Robo-Ring Sabrina Dehoff // Love-Ring Dawanda

You Might Also Like

18 Comments

  • Reply
    Madlen
    8. November 2017 at 11:27

    I feel you, Schwester! Toller und authentischer Post, den ich zu 100% nachempfinden kann.

    Danke dafür!
    Madlen

  • Reply
    Carmen
    8. November 2017 at 11:44

    Absolut deiner Meinung!!!
    Ich kenn das aus beiden Richtungen: Vollzeit im Marketing ließ meine Kreativität einfrieren. Jetzt bin ich seit mehr als 1,5 Jahren Vollzeit selbstständig – und kann dir sagen, mich gelüstets nach einer Teilzeit-Stelle; denn dann hätt ich wenigstens einen Teil des Arbeitslebens, in dem man sich nicht ständig neu erfinden muss 😉
    Alles Liebe,
    Carmen von http://www.goodblog.at

    • Reply
      Vreni
      9. November 2017 at 20:43

      Wohl war, gibt immer Vor- und Nachteile!

  • Reply
    Stephanie
    8. November 2017 at 12:25

    Liebe Vreni,
    du sprichst mir aus der Seele!
    Jahrelang habe ich geackert und geschuftet um voran zu kommen und halt das zu machen, was man so macht. Vor einigeer Zeit hat mir mein Körper dann mit der Holzhammer Methode gezeigt, dass es so nicht weiter geht und ich habe reagiert. Eine TZ Stelle, wenn auch nur 75% gibt mir nun mehr Luft zum atmen, leben, sein.
    Denn was gibt es wichtigeres im Leben als das Leben auch auszukosten?
    Alles Liebe
    Stephanie

    • Reply
      Vreni
      9. November 2017 at 20:42

      Ganz genau!

  • Reply
    Tine
    8. November 2017 at 13:20

    Hey,

    ja genau so geht es mir auch gerade, so super geschrieben.
    Ich glaube gerade wenn man Probleme hat nach dem Vollzeitjob privat abzuschalten ist es genau das richtige, sich Zeit nehmen und bewusst leben und das tun, was dir gut tut.
    Mehr Freiraum schaffen für eigene Ideen und Träume und einfach schauen was passiert ohne alles genau zu planen.

    Viel Spaß bei deinem Herzensprojekt und deinem neuen Job
    Tine

  • Reply
    Anja
    8. November 2017 at 13:26

    Geht mir genau so 🙂
    Warum sich auf eine Sache versteifen, wenn man auch so vieles machen kann?

    Ich hab übrigens vor Kurzem ein Buch dazu gelesen, dass genau das wiederspiegelt. “Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast” von Barbara Sher.
    Nur zu empfehlen!

    Liebste Grüße
    Anja

    • Reply
      Vreni
      9. November 2017 at 20:41

      Ja, ganz genau so geht es mir auch! ich will einfach zu viele Dinge gleichzeitig, als dass ich mich nur auf eine Sache beschränken kann.
      Liebe Grüße!

  • Reply
    Rike
    8. November 2017 at 19:13

    Hi,
    Das klingt super. Und solange es sich richtig anfühlt, ist es dies auch.
    Ich bin auch am überlegen Stunden zu reduzieren – bei meinem Job geht das zum Glück recht einfach und in jeder Abstufung, die ich möchte.
    Erstmal habe ich gerade aber ein Sabbatjahr, was auch ganz schön ist 🙂
    Zuerst wollte ich eine Weltreise machen, aus privaten Gründen habe ich dies dann überdacht – was wollte ich wirklich? Eigentlich nur Zeit für mich, jeden Tag neu schauen, was dieser bringt. So wurde aus der Welt, Europa, dann Deutschland und jetzt bin ich die ersten drei Monate einfach zu Hause und mache das, wofür ich neben der Arbeit keinen Nerv, keine Kraft hatte und das ist schön. Nur leider muss man sich für sowas dann auch noch rechtfertigen, dass man die Zeit nicht nutzt, dabei nutze ich sie seit langem genau so, wie ich es brauche.
    Liebe Grüße

    • Reply
      Vreni
      9. November 2017 at 20:38

      Ach ja, lass dir nix einreden, du musst dich überhaupt nicht rechtfertigen! 🙂

  • Reply
    Ines
    8. November 2017 at 22:51

    Du machst das genau richtig liebe Vreni! Hör auf dich und dein Bauchgefühl. Die Arbeitszeit bzw. deine Jobsituation kannst du jederzeit ändern, doch bist du erstmal ausgebrannt, dauert der Weg zurück umso länger. Wir haben wirklich verlernt das süße Nichtstun zu genießen. Umso schöner, dass du den Schritt wagst und diesen Zustand nun kennenlernen magst! Ein Hoch aufs Nichtstun, auf neue Ideen, Inspiration und die Genussmomente des Lebens.
    Cheers 🍷
    Ines

    • Reply
      Vreni
      9. November 2017 at 20:37

      Danke liebe Ines 🙂

  • Reply
    Corinna
    9. November 2017 at 20:03

    Ach, das kann ich nur ZU gut nachvollziehen liebe Vreni! Und wie gut, dass du dir da nix einreden lässt, sondern einfach dem Bauchgefühl folgst! Bei unserer Auszeit letzte Woche hab ich mir auch viele Gedanken gemacht und bin zu einem ähnlichen Schluss gekommen. Mal schauen, wie es weiter geht. Was jedenfalls nie gut sein kann: wenn der Kopf so voll ist, dass man gar nicht mehr frei denken kann. Und wer hat eigentlich irgendwann entschieden, dass der Mensch am besten 9 (oder 10 oder 11) Stunden vom Tag in einem Büro verbringen sollte, selbst wenn der Job Spaß macht? Schon verrückt.

    Liebst,
    Corinna
    http://www.kissenundkarma.de

    • Reply
      Vreni
      9. November 2017 at 20:36

      Ganz genau!

  • Reply
    Farbenfreundin
    10. November 2017 at 9:31

    Glückwunsch! Bin an einem sehr ähnlichen Punkt derzeit und bin im Nachhinein so froh über meine Kündigung. Wage den Schritt ins Ungewisse!

    Viele Grüße
    Bärbel aka Farbenfreundin

  • Reply
    franzi
    13. November 2017 at 18:17

    Was ein toller authentischer Post! Bin selbst noch Student und finde es trotzdem total interessant solche Artikel zu lesen, weil ich jetzt schon des öfteren Angst vor einem trostlosen 8 Stunden Tag habe.
    Bin gespannt was da noch so folgt!

    xx Franzi
    https://unpetitsourireslowsdown.wordpress.com/

  • Leave a Reply